Begegnungen im Senegal

Unsere Lehrerin war zur Jahreswende 2010/2011 zu Besuch im Senegal, um verschiedene Projekte in der Region Louga kennen zu lernen. Ein besonderer Höhepunkt war die Begegnung mit unseren Patenkinder Issa und Isseu, die wir zusammen mit Plan International unterstützen.
Den letzten Tag ihrer Reise verbrachte sie in Ker Taizé bei den Brüdern aus Taizé, die in Dakar Grand Yoff in einer kleinen Gemeinschaft leben.
Dort begegnete sie Assane Faye - ein Junge, der in der Nachbarschaft von Ker Taizé lebt und am Nachmittag gerne zu den Brüdern kommt. Schulbildung, Zukunftsperspektiven? Unter dem Motto "Ak benn" - "... noch einen mehr" gibt es in Ker Taizé Spiel- und Lerngruppen.
Die Anleitung für Jugendliche steht unter dem Motto "Gib weiter, was du kannst!". So entstehen in Ker Taizé Kunstprojekte, Produkte für den Verkauf und sogar eine eigene Zeitschrift "Ak benn", die regelmäßig erscheint.

Assane Faye hat in Ker Taizé sein Talent für Grafik und Malerei entdeckt. Unsere Lehrerin durfte ihm beim Zeichnen mit dem Kohlestift zuschauen und das fertige Bild und eine Sammlung weiterer Kinderzeichnungen mit nach Hause nehmen. Doch das Portrait, das Assane Faye gezeichnet hat, ist nicht irgendeine Kinderzeichnung. Sein Kunstwerk hat einen Ausdruck, der uns berührt. Da sind zwei Augen, die uns anschauen. Was erzählt uns dieser Blick?



Die Kinder der Klasse 4a der Abt-Joscio-Schule Niederalteich haben im Religionsunterricht anhand von Filmen, Bilderbüchern und Informationstexten viel über die Lebenssituation von Kindern im Senegal erfahren. Das verarbeiten sie in den Texten, die sie zu Assane Fayes Bild schreiben. Aber auch ihre eigenen Erfahrungen und Empfindungen kommen in den Texten zum Ausdruck. Lesen Sie selbst!
Ich bin 15 Jahre alte und lebe in einem Dorf im Senegal.
Ichbin verzweifelt, denn meine Eltern haben sich getrennt. Mein Vater lebt in der
Stadt und kümmert sich nicht um uns. Jetzt, wo meine Eltern getrennt sind,
haben wir kein Geld mehr, denn ich lebe bei meiner Mutter. Ich habe einen
kleinen Bruder, der ist schwer krank. Wir haben aber kein Geld und deswegen
können wir ihn nicht zum Arzt bringen. Zum Glück ist von meiner Mutter eine
Freundin Krankenschwester. Wir machten uns gleich auf den Weg zu ihr. Doch sie
ist auch krank. Das Problem geht noch weiter. Es gibt auch keine Medizin in
unserer Krankenstation. Das Wasser in unserem Dorfbrunnen ist ganz verschmutzt.
Das verursacht Krankheiten und dadurch ist auch mein Bruder krank. Wir sind
alle ganz ratlos. Ohne sauberes Wasser können wir nicht leben. Wie soll es
weitergehen?
Ogo (Lara, 9 Jahre)

Ich bin 10 Jahre alt und lebe in einem Dorf im Senegal.
Ich heiße Amy und habe große Angst. Die Ernte läuft seit Jahren sehr schlecht.
Ich bin traurig, weil wir viele Schulden haben. Mein Vater hat sich verschuldet, um
Saatgut zu kaufen. Dann kam nicht genügend Regen und jetzt sind alle Pflanzen
vertrocknet. Jetzt haben wir kein Geld mehr für Essen und kein Geld für die
Schule. Wir sehen keine Zukunft mehr. Wir haben schon darüber nachgedacht, in
die Stadt zu ziehen. Ich fühle mich hilflos. Tag für Tag sterben Menschen und Tiere.
Amy (Michelle, 10 Jahre)

Ich bin 9 Jahre alt und lebe in der Region Louga im Senegal.
Mir geht es heute nicht so gut, weil mein Onkel gestorben ist. Morgen ist seine
Beerdigung. Ich darf mit meinen Eltern ganz vorne gehen, weil das ja die
Beerdigung von meinem Onkel ist. Meine kleinen Geschwister sind völlig
erschrocken. Sie möchten nicht mitkommen. Sie werden lange geschockt sein.
Mein lieber Onkel, ich bin auch sehr geschockt, aber ich gebe mir Mühe, dort
hinzugehen. Ich tu das alles nur für dich, weil du so gut zu mir warst. Er ist
an einer Blutvergiftung gestorben. Wenn es einen Arzt und Medizin gegeben
hätte, könnte er noch leben. Aber das Krankenhaus ist sehr weit weg.
Mariama (Selina, 9 Jahre)

Ich bin 12 Jahre alt, lebe in Mbediene und heiße Ndiolé.
Meine Eltern haben kein Geld und Schulden haben sie auch. Ich hab in der Schule
schlechte Noten. Und ich hab auch keine Freunde, sogar in der Schule nicht.
Die Schule ist zwar kostenlos, aber ich kann nicht lernen, weil ich keine Bücher
hab und weil ich zu Hause so viel arbeiten und mich um meine Geschwister
kümmern muss. Ich hab ganz schön weit zum Brunnen, ungefähr 1,5 km und das hin
zu zurück. Mein Traum ist noch nicht wahr geworden. Ich träume von einem
schönen Bauernhof mit vielen Tieren: Ziegen und Hühner, Esel und vielleicht ein
paar Schweine oder Kühe. Ich wünsche mir, dass meine Eltern Geld verdienen,
dann könnten sie für mich besser sorgen, damit ich eine gute Ausbildung machen
kann.
Ndiolé (Madeleine, 9 Jahre)

Ich bin 9 Jahre alt und lebe in einem Dorf am Rande der Wüste im Senegal.
Dort ist eine große Hitze und es regnet fast nie. Es gibt viele kranke Kinder und kranke Eltern. Wir haben fast kein Wasser mehr. Es sind schon viele Kinder gestorben. Alle jungen Leute verlassen das Dorf. Keiner kümmert sich um die alten Leute. Ob ich mit meiner Familie auch weggehen muss?
Mady (Jessika und Verena, 9 Jahre)

Ich bin 11 Jahre alt und lebe in einer Stadt im Senegal.
Ich bin arm und habe keine Familie. Als ich noch klein war, wurde ich aus dem Dorf
weggebracht. Ich muss auf dem Boden schlafen, weil ich kein richtiges Zuhause
habe. Ich lebe mit vielen anderen Jungen bei einem Marabut. Aber der behandelt
uns schlecht. Jeden Tag müssen wir für ihn betteln gehen. Aber manchmal nimmt
mich die nette Dame, die jeden Tag am Brunnen Wasser schöpft, mit zu sich in
ihr Haus, wo ich schlafen und essen darf. Ich habe keine Schuhe oder richtiges
Gewand an. Und ich kann nicht in die Schule gehen. Die Schule ist aber sehr
wichtig, denn ich will einmal Lehrer werden.
Demba (Lea, 9 Jahre)

Ich bin 12 Jahre alt und lebe in einem kleinen Dorf im Senegal.
Jeden Tag bin ich fast 10 Kilometer mit dem Eselwagen unterwegs, um
Wasser zu holen, damit meine Familie sauberes Wasser hat. Denn fast jeden Tag
muss ich mit ansehen, wie Menschen hilflos sterben, weil das Wasser im alten
Brunnen verschmutzt ist. Weil die meisten Leute zu wenig Geld haben, können sie
sich keine richtigen Häuser bauen und haben auch kein Geld für einen neuen
Dorfbrunnen. Wir haben auch zu wenig Geld für eine Krankenstation. Es gibt
keine Medizin. Die Regierung kümmert sich nicht um uns. Wie soll es nur
weitergehen?
Abba (Philipp, 9 Jahre)

Ich bin 55 Jahre alt und lebe in einem kleinen Dorf im Senegal.
Ich heiße Issa und mein Problem ist mein Sohn. Jeden Tag lügt er mich
an. Eines Tages fuhr er mit den Kindern in die Stadt, dort, wo die gefährlichen
Marabuts ihr Unwesen treiben. Wenn Kinder in diese Stadt kommen, werden sie oft
in einen Daara gebracht. Dort werden sie schlecht behandelt und müssen den
ganzen Tag betteln gehen. Das Geld müssen sie beim Marabut abgeben. Wo hat mein
Sohn die Kinder bloß hingebracht? Hoffentlich kommen sie bald zurück. Tagelang
warte ich nun schon auf meine Enkel. Hoffentlich geht es ihnen gut.
Issa (Alexander, 9 Jahre)

Ich bin 54 Jahre alt und lebe in einem Dorf am Rande der Wüste im Senegal.
Nicht mehr so viele Leute wohnen in unserem Dorf, vielleicht noch ein paar Hundert.
Wir waren schon einmal mehr, auch viele junge Frauen und Kinder, die die Alten versorgt haben. Aber heute sind fast nur noch alte Leute da. Die Jungen haben das Dorf verlassen, um in der Stadt zu arbeiten. Es gibt kaum Wasser und Regen, deswegen sind auch so viele krank in unserem Dorf. Gestern ist meine Schwester gestorben, weil sie so krank war und der Doktor war
zu weit weg und wir haben kein Auto und kein Geld.
Mor (Alessa, 9 Jahre)

Hallo, ich bin 14 Jahre alt und lebe in einem Dorf im Senegal.
Meine Eltern machen sich jeden Tag Sorgen, weil sie kein Geld haben,
um mich in die Schule zu schicken. Und wenn meine Eltern traurig sind, dann bin
ich auch traurig. Und mein Vater hat eine schwere Krankheit. Meine Mutter und
ich leiden sehr darunter. Wir können uns keinen Arzt leisten und auch kein
Krankenhaus. Wir haben einfach kein Geld. Ich und meine Mutter haben Angst,
dass Vater stirbt.
Mamina (Kristina, 9 Jahre)

Ich bin 19 Jahre alt und lebe ein einer Ruine in der Stadt Saint Louis im Senegal.
Ihr fragt euch wohl, warum ich in einer Ruine wohne? Dann passt mal auf!
Hier waren einmal schöne Häuser, die von den Franzosen gebaut worden waren.
Aber jetzt kümmert sich keiner mehr darum. Seit den letzten Überschwemmungen
ist das Haus kaum mehr bewohnbar. Und deswegen hau ich jetzt aus diesem Land ab.
Ich traue mich mit so einem Boot auf’s Meer. Das ist gefährlich, aber ich will nach Europa,
am liebsten nach Deutschland. Das wäre mein Traum!
Niankou (Benjamin, 9 Jahre)

Ich bin 11 Jahre alt, heiße Ityene und wohne in einem Dorf ungefähr 18 km weit weg von St. Louis. Bei uns gibt es eine Wasserversorgung mit Leitungen für mehrere Dörfer. Vorgestern ist aber etwas Schreckliches passiert. Nach heftigen Regenfällen und Überschwemmungen ist unser Wasserturm eingestürzt. Jetzt haben wir in den Dörfern kein Wasser mehr. Und natürlich
kostet ein neuer Wasserturm sehr viel Geld und die Regierung kümmert sich nicht darum.
Ityene (Corbinian, 9 Jahre)

Ich bin 10 Jahre alt und lebe in einem kleinen Dorf im Senegal.
Wir haben sehr wenig Wasser. Ich muss immer 5 km zum nächsten Brunnen
laufen und zurück auch wieder 5 km. Wir haben bei uns im Dorf kein sauberes
Wasser, deshalb sind auch so viele krank. Viele können sich keine Medizin leisten.
Isseu (Sebastian, 9 Jahre)

Ich bin 15 Jahre alt und lebe in einem sehr armen Dorf im Senegal.
Ich habe zwei Geschwister und keine Eltern mehr. Meinen Vater habe ich
nie kennen gelernt und meine Mutter ist bei der Geburt meines kleinen Bruders
gestorben. Das macht mich manchmal sehr traurig, wenn ich andere Kinder mit
ihren Eltern sehe. Eines Tages sagte ich zu meinen Geschwistern, dass ich
Wasser holen müsse und sie sollten ja nicht außerhalb des Dorfes verstecken
spielen. Als ich wieder nach Hause kam waren sie weg. Ich erstarrte vor Schreck.
Verzweifelt suchte ich alles ab. Zuletzt fragte ich die alte Tante, die bei uns
in der Hütte wohnt. „Ich konnte sie nicht mehr aufhalten, tut mir leid“, sagte
sie. „Wen konntest du nicht mehr aufhalten?“, fragte ich. „Deinen Onkel, er hat
deine Brüder abgeholt und in die Stadt gebracht. Dort kommen sie in einen
Daara, wo sie den Koran lernen und für den Marabut betteln gehen müssen“,
erzählte die alte Tante. Ich machte mir große Sorgen: Werden sie dort schlecht
behandelt? Wo können sie schlafen? Müssen sie in Lumpen rumlaufen?
Wie sollen sie das nur überstehen?
Tabara (Eva, 9 Jahre)

Ich bin 8 Jahre alt und lebe in einem Dorf im Senegal.
Wir haben einen Brunnen, aber der ist schon alt und hat nur wenig Wasser.
Seit einiger Zeit muss ich zusehen, wie meine kleinen Geschwister krank werden und
Medizin einnehmen müssen. Aber die Medizin ist sehr teuer und die Eltern haben
schon viele Schulden. Warum das Wasser vom Brunnen krank macht, das weiß keiner
von uns. Wo sollen wir Geld für einen neuen Brunnen herbekommen. Keiner weiß
eine Lösung!
Malick (Katharina, 9 Jahre)

Ich bin 80 Jahre alt und lebe in einem Dorf im Senegal.
Jeden Tag sitze ich im Schatten des Baobab und beobachte die Frauen, die am
Brunnen Wasser schöpfen. Immer wieder höre ich, wie die Frauen klagen, dass
ihre kleinen Kinder krank werden. Die Eltern können die Medizin nicht mehr
bezahlen. Viele Kinder sterben an Durchfall. Auch viele Eltern sterben und um
ihre Kinder kümmert sich keiner!
Baidi (Simon, 10 Jahre)

Begegnungen in Niederalteich

Am 23. Oktober 2011 feiert missio den Sonntag der Weltmission, die große, weltweite Solidaritätsaktion der Katholischen Kirche mit den Menschen in Afrika, Asien und Ozeanien.
In diesem Jahr steht der Senegal im Fokus. Zu diesem Anlass wurden zahlreiche Gäste aus dem westafrikanischen Land eingeladen, die von ihrer Heimat berichten.
Offizieller Auftakt zu vielen spannenden Begegnungen und informativen Veranstaltungen war am Sonntag, 2. Oktober in Hamburg. Nach der Eröffnung waren die Gäste aus dem Senegal in den deutschen Diözesen unterwegs sein - zu Gottesdiensten, Vorträgen, Begegnungen und Schulbesuchen. Missio-Gast der Diözese Passau ist Bischof Ernest Sambou.
Im Beisein von Schulamtsdirektor Wilhelm Lindinger und Bürgermeister Josef Thalhammer, der früher selbst in der kirchlichen Entwicklungsarbeit tätig war, wird der Bischof unserer senegalesischen Partnerdiözese Saint Louis an der Abt-Joscio-Schule Niederalteich herzlich empfangen. Die Kinder haben ein buntes musikalisches Programm vorbereitet und freuen sich darauf, dem senegalesischen Bischof zu begegnen.




Der Senegal ist ein Land, das in den Nachrichten selten vorkommt. Das mag daran liegen, dass die Republik Senegal seit ihrer Gründung im Jahr 1960 politisch relativ stabil ist, keine nennenswerten Bodenschätze aufweist und nur selten von großen Krisen oder Naturkatastrophen heimgesucht wird. Doch die Menschen im westlichsten Land Afrikas kämpfen mit großen Problemen. Auf der UN-Liste des Human Development Index belegt der Senegal den 144. Platz. Er zählt zu den 50 am wenigsten entwickelten Ländern der Welt. Mehr als die Hälfte der Menschen leben unter der Armutsgrenze. Fische sind das wichtigste Exportgut des Landes. Aber senegalesische Fischer finden immer weniger in ihren Netzen vor, da die Regierung die Fangrechte an asiatische Länder und die EU verkauft hat. Zwei Drittel des Senegal liegen in der Sahelzone, was den Anbau von Nahrungsmitteln schwierig macht. Die Menschen leiden immer wieder unter Hungerwellen. Junge Senegalesen suchen nach Arbeit. Vielfach versuchen sie, nach Europa zu gelangen – und bezahlen dies mit ihrem Leben.
Aber immer mehr Menschen im Senegal möchten ihre Zukunft aktiv gestalten und Herausforderungen annehmen. Prägende gesellschaftliche Kraft ist die katholische Kirche. Eine noch junge Kirche, die besonders durch ihren Einsatz im Schul- und Bildungssystem sowie im Gesundheitswesen landesweit sehr geschätzt wird. Speziell die Frauen können sich auf den Rückhalt in der Kirche verlassen – leisten diese doch informell einen erheblichen Beitrag zur Wirtschaftsleistung des Landes und ernähren ihre Familien.
Lebendig und selbstbewusst zeigt sich die Kirche im Senegal – noch mehr, da sie sich in einer Minderheitensituation befindet. Die überwiegende Mehrheit der senegalesischen Bevölkerung ist muslimischen Glaubens (94 Prozent). Fünf Prozent sind Christen, ein Prozent Anhänger traditionell afrikanischer Religionen. Der Islam im Senegal gilt als gemäßigt. Der Dialog zwischen Muslimen und Christen, den der Alltag den Menschen auferlegt, funktioniert in vorbildlicher Weise.